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Chinesisch lernen und Praktikum in China

Herausforderung Chinesisch

Leseprobe aus dem Buch "Unter Chinesen - Mein Jahr in China" von Michaela Lehner

China gefiel mir ausgesprochen gut. Ich hatte mich schnell eingelebt doch blieb ein Wehrmutstropfen. Die Chinesische Sprache. Seit Wochen besuchte ich nach der Arbeit einen abendlichen Chinesischkurs. Nach dem anfänglich schnellen Fortschritt trat ich nun auf der Stelle. Im Kurs fokussierten wir uns ausschließlich auf Pinying sowie Vokabeln, die ich im Alltag direkt anwenden konnten. Nach den Stunden trug ich seitenweise neue Vokabeln nach Hause, die einfach nicht in meinem Gedächtnis bleiben wollten. Von vier neu gelernten Vokabeln verschwanden mindestens drei wieder postwendend. Die Sprache zu lernen war ein zäher Prozess. Ihre Schriftzeichen, vier Töne und Laute, die so gar keine Ähnlichkeit mit einer europäischen Sprachen hatte, machten sie noch komplexer. Somit war Durchhaltevermögen gefordert und üben üben üben. Ob mit dem Verkäufer am Straßenrand oder im Laden, ob bei einem Plausch mit dem Taxifahrer, dem Masseur bei der Massage oder mit den Kollegen. Ganz egal. Es gab genügend Gelegenheiten, man musste sie einfach nur wahrnehmen.

Meine Lehrerin war äusserst geduldig. Sie sprach sehr langsam und legte extrem viel Wert auf eine genaue Betonung. Nahezu wie beim Militär ließ sie mich einzelne Worte immer und immer wieder nachsprechen. Ich wurde auf Wiederholung gedrillt, wie es in chinesischen Schulen üblich war. Laut ihr umfasste das Hochmandarin vier Töne, die die Bedeutung einer Silbe bzw. Wortes komplett verändern konnte. Hielt ich die korrekte Betonung nicht ein, war es sehr wahrscheinlich, dass ich vom Gegenüber nicht verstanden wurde. Kein Wunder, denn ‚ma’ im ersten Ton ausgesprochen bedeutete Mutter, im dritten Ton Pferd. Im Kurs hatte ich ebenfalls angefangen erste Schriftzeichen zu lernen. Manche Zeichen konnte ich mir leicht merken, doch die meisten waren in ihrer Zusammenstellung einfach an nichts mir bis dahin Bekanntes anzuknüpfen. Das Lernen von Schriftzeichen glich eher einem sturen Auswendiglernen oder bedurfte viel Fantasie, um in den Strichen und Formen der Piktogramme ihre Bedeutung zu erkennen.

Das Chinesischniveau in der Arbeit war ein wahre Herausforderung. Ich hielt immer wieder ein kleines Schwätzchen mit meinen Kollegen in Chinesisch. Das begeisterte sie und sie honorierten es stets mit dem Lob meiner zunehmends besser werdenden Chinesischkenntnisse. Sicherlich freute mich das, doch Tatsache war, dass mein Vokabular äußerst beschränkt war. Unterhielten sich die Kollegen untereinander, hörte ich nur vereinzelt bekannte Worte heraus. Hieraus einen Zusammenhang zu erschließen war schwer. Oft schaltete ich daher komplett ab und filterte die Chinesische Konversation um mich herum aus, da ich ohnehin nicht viel verstand.

Doch für Besprechungen und Diskussionen währe es äußerst hilfreich gewesen, tiefgehende Chinesischkenntnisse zu haben. Während anfangs noch Englisch gesprochen wurde, wechselte die Sprache nach wenigen Minuten ins Chinesische, da viele Mitarbeiter fachliche Details in Englisch nicht klar kommunizieren konnten. Sprach man kein Chinesisch, sass man in der Besprechung und konnte nur erahnen, worum es ging. Immer wieder eingeworfene englische Begriffe, wofür es keinen passenden chinesischen Ausdruck gab, oder der den chinesischen Mitarbeitern in Englisch geläufiger war, waren die einzigen Ankerpunkte, die einem halfen, die stattfindende Debatte mitverfolgen zu können. Das war natürlich nicht ausreichend, um zu verstehen, worum es ging.

Obwohl ich langsam ein Gefühl für die Sprache entwickelt hatte und gewisse Worte aus einer Konversation heraus hören konnte war das kein leichtes Unterfangen. Manchmal saß ich mit gespitzten Ohren in den Besprechungen um so viele Worte wie möglich herauszuhören und mir aus dem Kontext zu erschließen. Doch zugegeben war das sehr ermüdend und auch frustrierend.

Chinesisch hatte aber noch eine weitere Tücke. Während ich manche Chinesen bestens verstand, hatte ich bei anderen meine Probleme. Grund war die liebe Aussprache, die es selbst Chinesen schwer machte, sich untereinander zu verstehen. In China lebten neben den Han Chinesen 56 Minderheiten, die alle ihren eigenen Dialekt sprachen und pflegten. Han Yu, Sprache der Han, auch als Mandarin bekannt galt als Pflichtsprache. Doch gab es zahlreiche regionale Feinheiten. In Peking wurde sehr häufig ein „R“ an ein Wortende gebunden, was den Pekingdialekt kennzeichnete. Kam ein Chinese aus einem umliegenden Dorf Pekings, klang sein Mandarin schon wieder ganz anders, als das eines Pekingers. In Shanghai wird ein komplett anderer Dialekt, Shanghainesisch genannt, gesprochen. Somit verstehen die Pekinger die Shanghainesen nicht, außer diese sprechen Mandarin. Historisch und gesellschaftlich mag es von den Bewohnern der beiden größten Städte Chinas sogar gewünscht sein, sich durch den eigenen Dialekt zu differenzieren. Pekinger können die Bewohner Shanghais nicht leiden und umgekehrt. Peking und seine Bewohner werden als zu politisch und traditionell angesehen. Shanghai gilt als die Metropole des Kommerz, in der sich alles um Geld, Wohlstand, Ansehen und Erscheinungsbild dreht.

Durch meine mangelhaften Chinesischkenntnisse fühlte ich mich oft ausgeschlossen, isoliert und einsam. Obwohl ich mich im Alltag gut verständigen konnte und vieles verstand, war ich vom Verstehen arbeitsrelevanter Themen in Chinesisch noch weit entfernt. In Besprechungen musste ich immer eine Englische Zusammenfassung einfordern. Das nervte und führte dazu, dass ich nur oberflächlich informiert war. Zudem gaben mir die Kollegen oft unverblümt zu verstehen, dass ich als Ausländer für Komplikationen sorgte. Ständig mussten sie für mich übersetzen und waren gezwungen sowohl Emails als auch Dokumente in Englisch statt in Chinesisch zu verfassen. So unrecht hatten sie nicht. In China war ich Analphabet. Doch kam es den lieben Chinesen oft sehr gelegen, dass wir Ausländer nur einfaches Chinesisch sprachen. Zu gerne tratschten sie unverfrohren offen über uns Ausländer im Büro in dem guten Glauben, wir verstehen sie nicht. Merkten sie, dass man doch mehr verstand als sie glaubten, wurden sie mit einem mal vorsichtiger.

Nächstes Kapitel: Vorbereitungen für das Chinesische Neue Jahr

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